Feuerwehrfreundschaft im Ostblock: Billed-Schmölln


Fotos

Schmölln in Mitteldeutschland

Zuerst möchte ich unsere Heimatstadt Schmölln mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 15.000 Einwohnern vorstellen. Sie liegt ungefähr 50 km südlich von Leipzig, in einer hügeligen, landwirtschaftlich guten Gegend und ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Industrie geprägt. Davon ist vor allem die Knopfherstellung zu erwähnen, deshalb bezeichnet man die Stadt auch heute noch als „Knopfstadt“.
Besonders nach der „Wende“ hat sich Schmölln ausgedehnt und man kann sagen, dass sie eine schöne, saubere und von vielen Grünanlagen durchzogene Stadt ist, die im Außenbereich größere Industriegebiete besitzt.

Im August 2006 rief mich wieder einmal der heute in Gaggenau/Baden-Württemberg wohnende Sepp Herbst an. Wir stellten beide im Laufe des Telefonats fest, dass unsere Bekanntschaft schon recht lange währt.
1972, vor über dreißig Jahren, be­gann eine Feuerwehrfreundschaft, die bis heute in Familienbereichen weiter besteht.

Wie alles begann

Sepp Herbst suchte mich eines Tages auf, als er bei einem Schmöllner Bekannten weilte, den er während seiner Militärdienstzeit in der rumänischen Armee kennen gelernt hatte, dessen DDR-Betrieb führte in Rumänien einen Bauauftrag aus und Sepp war diesem als Dolmetscher zugeteilt.
Dieser Bekannte von Sepp Herbst war zufällig ein Schulfreund von mir, ich war zu dieser Zeit der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Schmölln, so konnte schnell der Wunsch von Sepp, der Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Billed war, erfüllt werden, einmal ein örtliches Brandschutzorgan in der DDR kennen zu lernen.
Wir waren gleich - wie man so schön sagt - „ein Herz und eine Seele“. Nach einer längeren Unterhaltung begaben wir uns zu dem 1972 fertig gestellten Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Schmölln, das die Schmöllner Kameraden im Laufe von drei Jahren nach ihrer regulären Arbeitszeit, also nach Feierabend, gebaut hatten.

Ein wenig stolz zeigte ich meinem Feuerwehrkameraden aus Rumänien diesen Neubau, der neben vier Großgaragen, einem Schulungsraum, einem feuerwehrtechnischen Kabinett, einer Werkstatt und den entsprechenden hygienischen Anlagen auch eine Wohnung für den Techniker umfasste.
Nach den intensiven freundschaftlichen Gesprächen lud ich die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Billed zu einem Besuch anlässlich unseres hundertjährigen Bestehens im kommenden Jahr 1973 ein. Leider war es auf Grund administrativer Schwierigkeiten den vier Billeder Kameraden nicht möglich, an den Festtagen im September teilzunehmen, sie konnten erst Wochen später, kurz vor Silvester, einreisen.

4 Billeder Feuerwehrkameraden in Schmölln 1973

Wir holten die vier Feuerwehrkameraden aus Billed mit Pkws am Hauptbahnhof in Leipzig ab und fuhren nach Schmölln, dort wurden sie schon von den Gastfamilien der Schmöllner Feuerwehrkameraden erwartet.
In den folgenden Tagen unternahmen wir neben mehrfachen Besuchen in den Gastgeberfamilien auch einen Tagesausflug ins Erzgebirge, dem deutschen Weihnachtsland. Wir besuchten in Schneeberg das Schnitzmuseum mit seinen volkstümlich gestalteten Schaubergwerken.
Zur Freude unserer Billeder Gäste gab es im Ort eine Verkaufsstelle, die noch Silvesterfeuerwerkskörper anbot. Sie nutzten die Gelegenheit zum Erwerb, um diese dann, wie sie uns später berichteten, bei ihrer Ankunft am Billeder Bahnhof in die Luft steigen zu lassen.

Ich kann mich noch an eine weitere Autofahrt erinnern, die wir in Richtung Leipzig unternahmen, bei der wir eine gerade fertig gestellte größere Schweinemastanlage bei Borna besichtigten. Ein anderer Tag war für ein gemütliches Beisammensein vorgesehen, das wir mit Essen, Trinken, Musik und mit mancherlei Ansprachen und Berichten mit allen Schmöllner Feuerwehrkameraden und deren Frauen fröhlich und angeregt verbrachten. Dabei erhielten wir zu unserer Freude von den Billeder Kameraden einige Feuerwehrauszeichnungen und einen wunderschönen Freundschaftskristallpokal, der noch heute unserem Traditionsraum zur Zierde gereicht.
An diesem Abend erfolgte auch von Seiten der Billeder Kameraden eine Einladung zu einem Gegenbesuch in Rumänien.
Die Tage in Schmölln verliefen wie im Flug und nach einem großen Spaziergang über unseren Hausberg, den Pfefferberg, wurde es Zeit, Abschied zu nehmen. Wir brachten die Billeder Feuerwehrkameraden wieder zum Leipziger Bahnhof, von dem aus sie die Heimreise mit der Eisenbahn antraten.

1974 mit Wartburg und Trabant nach Billed

Nun galt es, die Fahrt nach Rumänien vorzu­bereiten. Die finanziellen Kosten sollten so ge­­ring wie möglich gehalten werden, drei der mitfahrenden Feuerwehrkameraden stellten ihre Privatautos zur Verfügung, so dass wir unabhängig in unserer Beweglichkeit waren.
Unterwegs wollten wir in den Autos und in Zelten schlafen und auf mitgenommenen Propangaskochern Getränke und Fertigsuppen zubereiten. Wir hatten diese Campingart gewählt, weil ich im Anschluss an die Tage in Billed meinen Feuerwehrkameraden noch einige landschaftliche Schönheiten Rumäniens, hauptsächlich im Karpatengebiet, zeigen wollte, die ich in den vorangegangenen Jahren mit meiner Familie kennen gelernt hatte.

Gegen Ende des Sommers 1974, an einem Donnerstagnachmittag, fuhren nach der Arbeit elf Feuerwehrkameraden der Freiwilligen Feuerwehr Schmölln mit drei Fahrzeugen, zwei Wartburg Kombi und ein Trabant, in Richtung Billed / Rumänien von Schmölln aus ab. Auf der Autobahn ging es bis Dresden, von da ab auf normaler Straße über das Erzgebirge nach Prag, das wir in den Außenbezirken umfuhren. An einem Waldrand suchten wir uns bei Einbruch der Dunkelheit hinter Prag einen Übernachtungsplatz.
Früh schon hatte unser Jesko Kurt den Kaffee gekocht und die beiden Campingtische aufgestellt, so dass wir uns nur noch mit unseren Klappstühlen an den gedeckten Tisch setzen mussten und in aller Gemütlichkeit und Ruhe unser Frühstück verzehren konnten. Dann ging es zügig durch die Tschechoslowakei und in Richtung Budapest nach Ungarn hinein. Wir mussten unbedingt durch diese große, verkehrsreiche Stadt fahren, um die nach Rumänien führende Fernverkehrsstraße zu erreichen.

Uns gelang das Kunststück, ohne einander zu verlieren oder uns zu verfahren, durch den dichten Verkehr zum Stadtausgang zu gelangen. Als die Dunkelheit hereinbrach, fanden wir in der weiten ungarischen Puszta hinter einem kleinen Wäldchen einen Übernachtungsplatz. In der Nähe stand eine große steinerne Windmühle, die zu einer Gaststätte ausgebaut war, in ihr leisteten wir uns noch ein „Bierchen“, ehe wir uns in den Autos und Zelten zum Schlafen legten.
Wie am Vortage frühstückten wir und die Fahrt ging weiter in Richtung ungarisch - rumänischer Grenze. Hier gab es einen unfreiwilligen längeren Aufenthalt, weil die rumänischen Grenzbeamten es für nötig befunden hatten, eine Pause einzulegen, so dass sich hinter uns eine lange Autoschlange bildete. Eine Zollbeamtin warf ihren Kollegen, die auf einer Bank saßen, Weintrauben zu, die sie scherzhafterweise mit dem Mund auffingen. Ich sagte zu Deckerts Lothar: „Setz dich dazu und fange mit auf.“ Was dieser auch tat.
Die Wirkung war prompt. Nur wir drei Fahrzeuge wurden abgefertigt und konnten weiter fahren, während die anderen noch weiter warten mussten.

Billeder Straßenposten am Ortseingang von Temeswar

So erreichten wir Arad, die erste Stadt in Rumänien, die wir durchfuhren. In einem kleinen Dorf, kurz vor unserem Ziel Temeswar, der Bezirksstadt von Billed, stellten wir fest, dass wir unseren Zeitplan bestens eingehalten hatten und so konnten wir in einer netten Gaststätte eine Rast einlegen.

Gegen Mittag setzten wir unsere Fahrt fort und erreichten den ausgemachten Treffpunkt am Ortseingang von Temeswar pünktlich. Die Kameraden der Billeder Freiwilligen Feuerwehr hatten hier für den ganzen Tag einen Straßenposten eingerichtet, der gerade abgelöst werden sollte. Die beiden Billeder staunten über unsere Ankunft, denn sie hatten uns noch nicht so zeitig erwartet. Da der Empfang in Billed erst für 18 Uhr vorgesehen war, unternahmen wir mit den beiden Billeder Kameraden einen Rundgang durch die Bezirksstadt. Dabei besuchten wir das Banater Museum, das im Hunyaden - Schloss aus dem 15. Jahrhundert untergebracht ist. Dort gab es auch viel Volkstümliches aus dem Wohngebiet unserer Gastgeber zu sehen.
So war es schnell Nachmittag geworden und die beiden Billeder verließen uns mit ihrem Motorrad, um rechtzeitig zu unserem Empfang in Billed anwesend zu sein. Langsam kam auch für uns die Zeit zum Aufbruch.

Nachdem wir uns in einem Straßenkaffee noch ein wenig erholt hatten, fuhren auch wir die letzten 24 km nach Billed. Da wir günstig in der Zeit lagen, hielten wir nochmals an dem von Bäumen und Büschen umgebenen Parkplatz in der Nähe des Kalvarienberges an.
Durch den Schatten der Bäume hat uns der ebenfalls aus Temeswar kommende Bürgermeister nicht wahr genommen, denn er sagte den in Billed versammelten Leuten, wir seien noch nicht zu erwarten, er habe uns auf der Straße nicht gesehen. Umso erstaunter waren alle, als wir trotzdem pünktlich mit dem Abendläuten die kleine Straßenabsenkung nach Billed hinunter fuhren.

Empfang mit Musikkapelle in Billed

Auf der Straße vor der Feuerwehrremise standen viele Einwohner und erwarteten uns. Später erzählte mir eine der wartenden Frauen anerkennend: „Man merkt, dass ihr auch Deutsche seid, fahrt durch drei Länder und seid doch mit dem Glockenschlag zur Stelle.“
Die Freiwillige Feuerwehr Billed war mit ihrer Musikkapelle zu unserer Begrüßung angetreten. Die Schmöllner Kameraden stiegen aus ihren drei Fahrzeugen aus und stellten sich ihnen gegenüber auf.
Der Bürgermeister und sicher einige Gemeinderatsmitglieder waren ebenfalls anwesend. Begrüßungsreden wurden herüber und hinüber gehalten und Geschenke ausgetauscht.
Nachdem der Herr Lehrer mit seinen Schulkindern einige deutsche Volkslieder gesungen hatte, brachten die an ihren Fahrzeugen angetretenen Schmöllner Feuerwehrkameraden drei laut schallende „Gut Wehr“ auf die Billeder Feuerwehr aus.
Mit der Blaskapelle voran marschierten wir nun durch den Ort zu einem gemütlichen Beisammensein aller in das Kulturhaus der Feuerwehr, das in einer von der Hauptstraße abzweigenden Nebenstraße lag. Im Anschluss daran ging es dann zu den verschiedenen Gastfamilien, bei denen wir für die Zeit unseres Aufenthaltes in Billed einquartiert waren.

Ich glaube, es war gleich der nächste Tag, als mit einem Lastwagen zu einem Schnelligkeitswettkampf der Feuerwehr nach Timisoara gefahren wurde. Es beeindruckte uns sehr und wir hatten alle Achtung davor, mit welchem Eifer und Elan die einzelnen Dorffeuerwehren mit ihren Handdruckspritzen um die besten Plätze kämpften.
Bei uns in der DDR wurden solche Wettkämpfe nur noch mit Motorspritzen ausgetragen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass unsere drei Schmöllner Ortsteile ebenfalls nur mit Handdruckspritzen ausgerüstet waren. Erst 1946 bekamen sie Motorspritzen.

Nach über dreißig Jahren erinnere ich mich noch daran, dass wir in den nächsten Tagen die am Ort produzierende Hanffabrik besichtigten. Am selben Tag führte uns eine Berufsfeuerwehr der nahen Ölfelder eine Angriffsübung mit ihrem Tanklöschfahrzeug vor. Dabei waren sie mächtig ins Schwitzen gekommen, deshalb nahmen wir sie auch beim anschließenden gemütlichen Beisammensein in unsere Mitte, um gemeinsam den innerlichen Durst zu löschen.

Unterwegs im Banat

Die Billeder Feuerwehrfreunde waren ständig bemüht, uns ihre Heimat zu zeigen, so konnten wir die neu eingerichtete Großverkaufsstelle mit ihren verschiedenen Angeboten für den täglichen Bedarf besichtigen, und unter anderen führten sie uns in das nahe Dorf Lenauheim, dem Geburtsort des Dichters Nikolaus Lenau. Dort ergab sich die Möglichkeit, in seinem Geburtshaus das liebevoll gestaltete Museum zu besuchen.

Natürlich nutzten wir auch unsere Zeit in Billed und hatten manches gute Gespräch mit unseren Gastgebern, die uns zeigten, wie sie lebten, wohnten und arbeiteten und um uns das schöne, weitläufige, saubere Dorf anzuschauen. Denn den meisten von uns war bis zu diesem Zeitpunkt das Banat nur ein weiter Begriff, der irgendwo auf dem Balkan vorkam und in dem vor Jahrhunderten Deutsche gesiedelt hatten.
Hier hörten wir nun ihre Sprache, die ans Schwäbische anklang und von dem mir noch immer das freundliche „gutten Owed“ als Abendgruß in den Ohren klingt, wenn man durchs Dorf ging. Wir probierten ihre oft köstlichen Speisen zumeist aus den Früchten der eigenen Ernte.
Kurz, wir fühlten uns ihnen verbunden und sind es heute noch. Viel zu schnell vergingen auch diese Besuchstage in Billed und wir mussten an einem Vormittag Abschied nehmen.

Abschied und Wiedersehen

Ehe wir endgültig Richtung Heimat fuhren, nahmen wir einen Umweg über den westlichen Teil der Karpaten und erreichten am Abend dieses Tages den schon im Gebirge liegenden Ort Sarmizegetusa mit seiner Trajansfestung.
In den nächsten Tagen fuhren wir über das Schiltal zum Olt. Durch das Olttal fuhren wir nach Hermannstadt und übernachteten im dortigen Camping, weiter ging es über Fagaras nach Kronstadt hinauf nach Poiana Brasov ins Camping. Der weitere Heimweg führte über Schäßburg und Klausenburg nach Oradea, wo wir das Thermalbad in Baile Felix aufsuchten. Am nächsten Tag ging es nach Ungarn hinein bis zu dessen Hauptstadt Budapest, für die ein Tag zur Besichtigung vorgesehen war. In einer Gewalttour fuhren wir dann bis nach Schmölln zurück.

Da die Reisebedingungen erleichtert waren, ergaben sich in den nächsten Jahren mehrere gegenseitige Privatbesuche in Deutschland und Rumänien, auch als dann viele Billeder Familien in die Bundesrepublik aussiedelten. Zum Beispiel war ich selbst mit meiner Familie bei Peter Plennert zur Hochzeit seines Sohnes eingeladen. Auf diese Weise konnten wir in Billed noch eine richtige Banater Hochzeit miterleben.

Sogar auf Hari, den Hund der Familie Herbst, erstreckte sich die Freundschaft, denn jedes Jahr, wenn wir einmal zur Stippvisite in Billed erschienen, wurden wir ohne Bellen aber schwanzwedelnd von ihm am Tor begrüßt.
Noch oft wird in Kameradenkreisen von der erlebnisreichen Rumänienfahrt der Freiwilligen Feuerwehr Schmölln gesprochen. Es waren eben unvergessliche Tage.

(HB 2006)



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