Handball-Legende Hansi Schmidt im Heimathaus, Rückblick


Fotos

Hansi Schmidt. Weltklasse auf der Königsposition - aus dem Heimatblatt 2005

Der Billeder Johann Steiner legt nach einjähriger Arbeit die Biographie des aus Marienfeld stammenden Handballers vor.
Das Geleitwort stammt aus Hans-Dietrich Genschers Feder

Vorliegende Biographie ist zustande gekommen, wie das mei­ste bei Hansi Schmidt vor sich geht. Eine Sache will wohl über­legt sein, er lässt sich meist viel Zeit, wägt ab, überlegt immer wieder. Mit der Biographie hat er sich sehr viel Zeit genommen. Man könnte sagen: Er hat alles auf die lange Bank geschoben. Doch zu spät ist es immer noch nicht.
Im Sommer 2004 meint Hansi Schmidt, der richtige Mann habe bei ihm angeklopft. Er sagt ja, die Biographie soll geschrieben werden. Als Autor will Hansi nicht auftreten. Er will sich nicht mit fremden Federn schmücken. Er überlässt das Schreiben lieber anderen. Die Wahl ist auf Johann Steiner ge­fallen, einen Landsmann aus Billed. Im August 2004 beginnt alles in der Klosterstraße im zu Gummersbach gehörenden erschlag im Hause Schmidt. Hansi Schmidt und der Biographieschreiber sitzen wegen dieses Vorhabens zum ersten Mal zusammen. Ein Jahr später, im September 2005, liegt das 352 Seiten starke, reich bebilderte Buch (112 Fotos) vor.

Hansi Schmidt hat Sportgeschichte geschrieben. Und Geschichte schreibend ist er zur Legende geworden. Für viele ist der Erfinder des verzögerten Sprungwurfs ein Idol, für andere wieder ein rotes Tuch. Doch wie immer man zu diesem Ausnahmesportler stehen mag, an einem kommt man nicht vorbei: Mit seinem Namen ist der steile Aufstieg einer Provinzmannschaft zum weltbesten Hallenhandballteam verbunden. Der VfL Gummersbach ist mit zwölf gewonnenen Titeln deutscher Rekordmeister. Auf Platz zwei folgt THW Kiel mit elf gewonnen Meisterschaften vor Frisch Auf Göppingen mit neun. Zu sieben der zwölf VfL-Erfolge in der Bundesliga hat Hansi Schmidt als Torschütze vom Dienst und Spielmacher entscheidend beigetragen. Für den Gewinn dieser sieben Titel brauchte er elf Anläufe. Zehnmal hat er im Finale um die deutsche Meisterschaft gestanden. Zu den sieben deutschen Meistertiteln kommen drei Vizemeistertitel hinzu. Als sich Hansi nach dem 12:11-Sieg über Grün-Weiß Dankersen im Endspiel um die deutsche Meisterschaft am 16. Mai 1976 als Titelträger aus dem Handballoberhaus verabschiedet, sagt der junge Jimmy Waltke: „Wenn du aufhörst, werden wir im nächsten Jahr Meister.“ Und tatsächlich: Der deutsche Meister 1977 heißt Dankersen. Den darauffolgenden Titel eines deutschen Meisters wird der VfL erst 1982 gewinnen. Hansi hinterlässt eine Lücke, die nicht nahtlos geschlossen werden kann.
Von 1967 bis 1971 wird Hansi fünfmal hintereinander Bundesliga-Torschützenkönig. 1972 und 1973 belegt er den zweiten und 1974 den dritten Rang in der Torjägerliste. 1975 ist er zweitbester Schütze mit einem Tor Rückstand auf den späteren Bundestrainer Simon Schobel, der 122 Treffer erzielt. 1976 belegt er den 18. Rang in der Torjägerliste mit 65 Treffern. Hansi verlässt den VfL nicht, weil ihn die Zuschauer wegen schwacher Leistungen ausbuhen, sondern als Leistungsträger einer mit ihm immer noch erfolgreichen Mannschaft. Er bestimmt den Ausstieg selbst.

Fünfmal steht Gummersbach in der Liste der Gewinner des Europapokals der Landesmeister. Bei vier Erfolgen ist Hansi Schmidt dabei. Die Spiele mit dem VfL in der ausverkauften Westfalenhalle in Dortmund vor fast 15000 Zuschauern sind manchem alten Handballliebhaber noch in guter Erinnerung. Es sind Erfolge, die für sich sprechen. Hansis Leistungen haben ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Sportler werden lassen. Er hat im Handball das geleistet, wozu ein Overath oder Beckenbauer im Fußball fähig waren.
Hansi Schmidt spielt 18mal für Rumänien. In 98 Länderspielen für Deutschland wirft er 484 Tore. In der Bundesliga trifft er mehr als tausendmal. Er ist nicht nur der Superstar der 60er und 70er Jahre, sondern auch ein Unbequemer, der seine Meinung sagt und sich mit Trainern und Funktionären anlegt. Der inzwischen zur Legende gewordene Weltklassespieler hat seinen Wert gekannt und auch das eine oder andere Mal seinen Willen durchgesetzt. Deshalb ist er auch noch heute für manch einen eine Reizfigur. Dass sich andere seinem Spiel anpassen mussten, liegt auf der Hand. Das wäre auch in Bukarest nicht anders gewesen. Manche behaupten, sie hätten für ihn spielen müssen. Hansi Schmidt war nicht nur Schütze vom Dienst, sondern hat auch das Spiel des VfL gemacht, wovon andere Spieler wieder profitiert haben. Hansis größte Widersacher, die in seinem langen Schatten Meister und Europapokalsieger geworden sind, dreschen auch heute noch auf ihn ein. Sie lassen dazu kaum eine Gelegenheit aus, obwohl oder weil sie wissen, dass er darauf nicht eingeht. Ihnen ist noch immer unerträglich, dass sie sich Hansis Spiel unterordnen mussten. Sie haben es noch immer nicht verdaut, dass der Mann, der fast bis zum Ende seiner Karriere beim VfL Gummersbach auf die Kapitänsbinde verzichtet hat, nicht nach ihrer Pfeife getanzt hat.

Hansi Schmidt ist im Besitz einer Autogrammkarte seines ehemaligen Mannschaftskollegen Gheorghe Gruia von Steaua Bukarest. Der Halbrechte, der mit Rumänien Weltmeister und mit seinem Klub Europapokal-Sieger geworden ist, schreibt darauf in typisch südländischer Art: „Damit Du es weißt. Sie hätten Dich gebraucht. Ich küsse Dich.“ Diese beiden Klasseleute hätte der Präsident des Rumänischen Handball-Verbandes, John­ny Kunst-Ghermanescu, gerne über das Jahr 1963 hinaus in der Mannschaft des Bukarester Armeesportklubs Steaua spielen sehen. Mit Hansi und Gruia wäre diese fast unschlagbar gewesen. Doch weil es anders kommt, ist aus Europapokal-Spielen einmal der eine, das andere Mal der zweite als Sieger vom Platz gegangen. Und deshalb hat keiner Hansis Flucht mehr bereut als Kunst. Am Rande eines Interviews im Sommer 1974 sagt Kunst: „Wenn dieser Schmidt nicht durch­gebrannt wäre, hätten wir die Weltmeisterschaft 1967 in Schweden nie verloren.“ Die Flucht 1963 verzeiht Johnny Kunst seinem Schüler nie.

Es ist reine Spekulation zu behaupten, der VfL Gummersbach wäre auch ohne Hansi Schmidt in die Weltklasse vorge­stoßen. Tatsache ist, dass der VfL mit Hansi Schmidt in der Handballwelt und ein wenig darüber hinaus bekannt geworden ist. Das untermauert auch Johnny Kunst, wenn er 1978 als Präsident der Trainer- und Methodikkommission der Internationalen Handball-Föderation schreibt: „Der internationale Handball kann von dem Namen VfL Gummersbach nicht getrennt werden… Der deutsche Handball hat von der Existenz des VfL Gummersbach viel Nutzen gezogen. Der europäische Handball wäre nicht so fortgeschritten, hätte es keinen VfL Gummersbach gegeben.“ Johnny Kunst weiter: „Die internationalen Erfolge dieser Mannschaft können nicht vom Namen Eugen Haas getrennt werden…“ Seinen ehemaligen Schüler Hansi Schmidt erwähnt er allerdings nicht. Das darf und will er auch nicht. Hansi Schmidt hat ihm mit seiner Flucht geschadet, aber dem VfL zu Ruhm verholfen. Von diesem Ruhm, aber auch von Niederlagen eines Superstars handelt die vorliegende Biographie. Sie will dem Leser vor Augen führen, welchen Preis ein Spitzensportler für den Erfolg zahlen muss, was er nach gewonnenem Abstand denkt, wie seine Familie empfindet.
Das Geleitwort stammt aus Hans-Dietrich Genschers Feder. Ein Dutzend Zeu­gen und Wegbegleiter kommen zusätzlich in gesonderten Beiträ­gen zu Wort: Vlado Stenzel, ehe­malige Handballer, darunter Bernd Munck, Klaus Kater, Josef Jakob und Roland Gunnesch, Studienkollegen, der Fernsehjournalist Herbert Kranz, seinerzeit Vorsitzender der Technischen Kommission des Deutschen Handball-Bundes, die Frau, die Söhne und die Schwester.

Was hier zusammengetragen wurde, ist nicht nur die Geschichte eines großen Sportlers, sondern zu einem guten Teil die des VfL Gummersbach und somit auch ein Teil der deutschen Handballgeschichte. Die Deckel dieses Buches sind bewusst blau-weiß gehalten. Die Hansi-Schmidt-Story wird erzählt in engem Zusammenhang mit der deutsch-habsburgisch-europäischen Geschichte. Der geschichtliche Teil führt dem Leser vor Augen, warum selbst ein verhätschelter Spitzensportler in den 60er Jahren seiner Heimat den Rücken kehrt und einen Neuanfang im freien Westen wagt. Warum er das hinter sich lässt, was seine Vorfahren in Lenauheim und Marienfeld in mehr als 200 Jahren geschaffen haben. Im Anhang des Buches sind enthalten: Alle Ergebnisse des VfL in Hansi Schmidts Zeit; die Abschlusstabellen, die Torschützenlisten für jene Jahre, die in keiner heutigen Statistik zu finden sind. Was heute im Internet oder anderswo steht, beginnt mit der eingleisigen Bundesliga 1977.

Sonne über Marienfeld - Auszüge aus der Schmidt-Biographie von Hans Steiner

Es war ein wunderschöner Herbsttag, der 24. September 1942. Viktoria Junker erinnert sich noch genau. Über dem Südosten der Pannonischen Tiefebene steht die Sonne. Ihre Strahlen wärmen die Banater Heide aber noch genau so gut wie im Spätsommer. Rund um Marienfeld ernten die Bauern den ersten Mais und die ersten Zuckerrüben. Der Hanf und die Kartoffeln sind eingebracht. Mit der Weinlese warten sie noch ein wenig. Die Trauben sollen noch etwas reifen. (…)

Mehr als ein Jahr kämpft die rumänische Armee nun schon in den Weiten Russlands, auch Dr. Hans Schmidt ist seit Anfang 1942 als Offizier in der Nachhut dabei. Seine Truppe liegt vor Odessa. Im Haus Nummer 741 in der Hintergasse in Marienfeld hat sich ein freudiges Ereignis angekündigt: Rosa, die Frau des Arztes Hans Schmidt, erwartet ihr zweites Kind. Es hat sich angesagt. (…)

Der 24. September 1942 wird im Hause Schmidt ein langer Tag. Rosa muss sich gedulden. (…) Erst um 23.30 Uhr ist der Stammhalter Hans-Günther da, den alle Hansi rufen werden. Mit Verspätung ist er gekommen. Verspätung soll noch so etwas wie ein Markenzeichen des Neugeborenen werden. Fünf bis zehn Minuten werden Hansi Schmidt ein ganzes Leben lang zur Pünktlichkeit fehlen. Hansi ist schon als Neugeborener ein Mordskerl.
Die in der Banater Hauptstadt erscheinende gleichgeschaltete „Südostdeutsche Tageszeitung“, die kurz vorher die fast hundert Jahre alte liberale „Temesvarer Zeitung“ abgelöst hat, macht an diesem 24. September die Titelseite auf mit dem Bericht „Angriffe im Kaukasus-Gebiet fortgesetzt“. In der Unterzeile heißt es: „Trotz hartnäckiger Gegenwehr weiterer Raumgewinn im Zentrum von Stalingrad“.(…)

Im Thalia-Kino in Temesvar wird der Film „Hitlerjunge Quex“ mit Heinrich George gezeigt. Das Capitol-Kino hat „das äußerst gelungene“ Lustspiel „Der Florentiner Hut“ mit Heinz Rühmann und Herti Kirchner auf dem Programm stehen. (…) Der Vater der Brüder Hans und Sepp Schmidt wird am 16. Mai 1884 in Tschatad geboren, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört und 1920 zu Ehren des Dichters Nikolaus Lenau in Lenauheim umbenannt wird. Der Metzgermeister Johann Schmidt und seine Frau Elisabeth geborene Wilhelm, die im ebenfalls in der Banater Heide gelegenen Klein-Jetscha zur Welt kommt, bringen es zu beachtlichem Wohlstand. Sie mästen jährlich an die 1500 Schweine. Was nicht in der eigenen Fleischerei verarbeitet werden kann, wird verkauft. Die Lieferungen gehen bis nach Wien. Elisabeth und Johann Schmidt können es sich leisten, ihre Söhne in Österreich studieren zu lassen: Hans Medizin, Sepp Tiermedizin.

Lothringer Wurzeln

Die Vorfahren der Lenauheimer Schmidts stammen aus Lothringen. Zu den Neusiedlern, die sich 1767 im neu gegründeten Tschatad niederlassen, gehört auch Christian Schmidt aus dem lothringischen Wirmingen, das zum Kreis Chateau-Salins und dem Kanton Albesdorf gehört. Er ist Hansis Ururururgroßvater. (…) Hansis Großvater mütterlicherseits, Ernest Günther, (…) gehört zu den reichsten Landwirten in Marienfeld. Er und seine Frau sind Eigentümer von 50 Hektar sehr ertragreichem Boden, etwas mehr als die Hälfte mit Weinreben bepflanzt. (…) Kein Winzer im Dorf hat einen größeren Weinkeller als Ernest Günther…
Von den Großeltern lernt Hansi Schmidt lediglich Oma Katharina kennen. Sie wird in der frühen Kindheit eine seiner wichtigsten Bezugspersonen sein. 1951 werden die Kommunisten sie in die Donautiefebene, unweit des Schwarzen Meeres, verbannen.

Im September 1944 holt die Geschichte die Marienfelder ein. Auch Rosa Schmidt und ihre Mutter Katharina Günther packen die wichtigsten Sachen auf einen Pferdewagen und begeben sich im Schutz des deutschen Militärs nach Westen. (…)
Sie gelangen nach Sieghartskirchen bei Wien, wo sie bis im Frühjahr 1945 bleiben. Als sich die Sowjetarmee Wien nähert, begeben sie sich wieder auf die Flucht. Doch sie haben keinen Wagen mehr, und von den vier Pferden ist nur noch Tante Reinleins Norma übrig. Viktorias Mutter gelingt es mit viel Geschick, einen Kälbertransportwagen zu kaufen. Darauf finden die drei Kin­der Helga, Hansi und Helmut und der behinderte Onkel Friedel Platz. Sie spannen Norma davor. Viktoria Junker lenkt das Pferd und bremst, Rosa Schmidt schiebt den Wagen. Die anderen müssen gehen. Donauaufwärts geht es bis nach Eggenfelden in Bayern. (…)

Am 2. September 1945 sind Helga, Hansi und Rosa Schmidt mit Uroma, Oma, Onkel, Tante Reinlein, Tante Viktoria und Vetter Helmut Junker in Eggenfelden mit einem 80 Waggon langen Zug abgefahren, und am 16. September 1945 sind sie in Marienfeld. (…)
Den dritten Geburtstag wird der kleine Hansi genau wie den zweiten zu Hause in Marienfeld feiern. Mit elf Jahren, wir schreiben das Jahr 1954, steht der großgewachsene, kräftige Hansi schon in der zweiten Marienfelder Handballmannschaft. Sein Entdecker und Förderer ist Turn- und Klassenlehrer Nikolaus Schrey­er. (…) Mit der zweiten Marienfelder Mann­schaft tritt Hansi als Elfjähriger eines Ta­ges im benachbarten Tschanad an und verliert 1:17. Das Spiel läuft an Hansi vorbei, ein junger Mann namens Mischi, er ist 18, erzielt den Marienfelder Ehrentreffer. Und trotz der haushohen Niederlage hört er prophetische Worte. Der Tschanader Dorfwirt sagt zu Hansi: „Aus dir wird einmal ein ganz Großer.“ An diesen Satz des unbe­kannten Mannes wird sich Hansi immer wieder erinnern. Ja, er wird ihn sogar zu besseren Leistungen anspornen. Mit zwölf rückt Hansi in die erste Marienfelder Mann­schaft auf. (…)

1956, im Jahr als seine Oma aus der Verbannung heimkehrt, kommt Hansi nach Temesvar aufs Gymnasium. Am wichtigsten für seine Zukunft ist Turnlehrer Adam Fischer aus Triebswetter. Bei Adam Fischer kommt Hansi mit dem Hallen- und Kleinfeldhandball in Berührung. (…)

Juniorenlandesmeister

Als Gymnasiast spielt Hansi Schmidt sowohl in der Mannschaft des Josefstädter Gymnasiums als auch im örtlichen Schülersportklub Banatul. 1959 erringt er seinen ersten nennenswerten Erfolg. Mit dem Temesvarer Schülersportklub Banatul gewinnt er den von der Bukarester Zeitung Sportul Popular veranstalteten Wettbewerb, eine inoffizielle Landesmeisterschaft für Juniorenmannschaften in der Halle. Das Finale in der ausverkauften Bukarester Floreasca-Halle ist eines der schönsten Erlebnisse Hansis. Die Temesvarer Mannschaft um Hansi geht am 15. März 1959 als krasser Außenseiter in die Begegnung. (…)
Doch die Mannschaft kämpft hervorragend und setzt sich gegen den Bukarester Schülersportklub durch. Die Bukarester deutsche Zeitung Neuer Weg schreibt: „Nach einem dramatischen Spiel, das die Zuschauer begeisterte, siegten die Temesvarer knapp mit 19:17 (10:9)…“ Der Erfolg wird in Temesvar zum Stadtgespräch. Das Foto der siegreichen Mannschaft hängt jahrelang in einem Schaufenster der alten Sporthalle, der ehemaligen Reithalle aus Kaisers Zeiten. Es wird 1963 entfernt, nachdem sich Hansi in der Bundesrepublik abgesetzt hat. Es landet auf dem Müll, doch Hansis Mannschaftskollege Edwin Sauer rettet es. (…)

Hansi will eigentlich Leichtathlet werden. Professor Cornel Iovanescu prophezeit, Hansi werde der erste Mann sein, der den Speer über 80 Meter wirft. (…) Die Leichtathletikkarriere des Hansi Schmidt hat aber kaum begonnen, so ist sie auch schon zu Ende. 1958 kugelt sich Hansi die rechte Schulter beim Handballspiel aus. Zwei Gegenspieler hängen an seinem Arm. Einen hätte er geschafft, der zweite ist zu viel. Er muss eine dreimonatige Trainingspause einlegen. (…).

Eine neue Wurftechnik

Die Schulterverletzung zwingt ihn, den linken Arm zu trainieren und anschließend mit Rechts eine neue Wurftechnik zu entwickeln: Es entsteht der verzögerte Sprungwurf, den ihm wenige Spieler in der Perfektion nachmachen können. Weil er mit beiden Händen werfen kann, ist er für Torsteher noch viel unberechenbarer als andere Spitzenhandballer. Hansi erinnert sich noch gern an ein Spiel gegen TuS Wellinghofen, in dem er mit 16 Toren seinen eigenen Bundesligarekord von 13 Treffern verbessert. Vier der 16 Tore wirft er mit Links. (…)

Mit 17 wechselt Hansi 1959 zum Erstligisten Stiinta Temesvar. Hansi ist noch Gymnasiast. Das erste Spiel im Trikot des Temesvarer Studentenklubs bestreitet Hansi gegen den Lokalrivalen Technometal, in dessen Reihen die ehemaligen Fischer-Zöglinge Ernst Pflanzer und Hans Neusatz stehen. Stiinta Temesvar spielt zum ersten Mal ohne den Weltklassemann Hans Moser, der eben zu Dinamo Bukarest gewechselt ist. Hansi soll die entstandene Lücke im Rückraum schließen. Das Spiel gegen Technometal entscheidet Hansis Stundententeam mit 19:18 für sich. Obwohl Pflanzer und Neusatz ihn in Manndeckung nehmen, erzielt Hansi 18 Tore. Ein Erstliga-Einsatz nach Maß, erinnert sich sein ehemaliger Mitspieler Hjalmar Sauer. „Das Spiel war ein reines Vergnügen“, sagt Hansi heute, „Ich habe getroffen wie selten zuvor.“ Die Handballanhänger in Temesvar sind begeistert. Mosers Nachfolger auf der Königsposition ist gefunden. (…)

Mit Stiinta Temesvar erringt Hansi den Titel eines rumänischen Vizemeisters 1961. Meister wird der Bukarester Polizeiklub Dinamo. Es ist ein Riesenerfolg angesichts der Übermacht der Bukarester Klubs. Platz drei belegt der Temesvarer Lokalrivale Technometal. (…)
Im Herbst 1961 wechselt Hansi an die Sporthochschule Bukarest, wo er ein paar Monate für die Studentenmannschaft Stiinta spielen wird. Kaum ist er in Bukarest, hat Johnny Kunst, der Trainer des Bukarester Armeeklubs Steaua, ihn schon im Visier. Nach einem Spiel am 17. Dezember 1961 in der Bukarester Dinamo-Halle um den sogenannten Winterpokal, praktisch eine Hallenmeisterschaft, in der Hansi 14 Treffer gegen Steaua wirft, kommt Johnny Kunst auf ihn zu mit den Worten: „Ich hätte nicht gedacht, dass du uns allein besiegst.“ Johnny Kunst macht Hansi auch gleich das Angebot, den Klub zu wechseln. Unter vier Augen rät Kunst dem 19-Jährigen, er sollte einen Antrag ans Kriegsministerium stellen, dass er als ordentlicher Student für den Armeeklub spielen wolle. (…)

Mit 18 wird Hansi zum ersten Mal in die rumänische Na­tionalmannschaft berufen. (…) Steaua und das Klubhaus in der Stefan-Furtuna-Straße in Bukarest sind Hansis zweites Zuhause. Er ist als 19-Jähriger auf sich allein gestellt, kann sich aber bei Steaua voll auf den Sport konzentrieren und dazu noch studieren. Der Armeeklub ist für ihn ein Rie­sengewinn und auch das Tor in die Freiheit. Die Freiheit ist etwas, was ihn nicht mehr los lässt. Auf das Glück muss man zugehen, sagt er sich. Deshalb ist er auch zum Armeeklub gewechselt. Für die Freiheit ist er bereit, alle Vorteile aufzugeben, die ihm der Sport beim Armeeklub in Bukarest bietet. (…)
1963 ist ein erfolgreiches Jahr für Hansi. Er erringt mit Steaua Bukarest in der letzten rumänischen Meisterschaft auf dem Großfeld den Vizemeistertitel und in der Halle den Meistertitel. Hansi ist Stammspieler in der Nationalmannschaft geworden. (…)

Am 17. November 1963 heiratet Hansis Schwester daheim in Marienfeld. Trainer Johnny Kunst lässt ihn nicht zur Hochzeit fahren, obwohl er im bevorstehenden Spiel der Nationalmannschaft nicht eingesetzt werden kann. Hansi hat sich einen Finger verletzt. Das ist ein weiteres Erlebnis, das ihn in dem Vorhaben bestärkt, Rumänien den Rücken zu kehren.
Einige Tage nach der Hochzeit der Schwester, am 23. November 1963, soll die rumänische Studentenauswahl unter dem Namen Stiinta Bukarest zu einer Deutschland-Tournee aufbrechen. Doch am 22. November beginnt das große Zittern. Die Tournee wird in Frage gestellt, als die Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy (1917-1963) durchkommt. Hansi hat schon alles gepackt. In seinem Koffer ist auch ein Fläschchen mit Bukarester Wasser, das er auch heute noch ungeöffnet aufbewahrt. Den Rumänen muss die Weltlage trotz des Mordes in Dallas nicht so gefährlich erscheinen, sie lassen die Mannschaft abfliegen. Hansi Schmidt, Valentin Samungi und Gheorghe Gruia sind als Verstärkung zur Studentenauswahl gestoßen. Die drei sind seit Monaten im Trainingslager mit der Nationalmannschaft, die sich für die Hallenhandball-Weltmeisterschaft 1964 in der Tschechoslowakei vorbereitet. Trainer der Studentenauswahl sind Johnny Kunst und Eugen Trofin. (…)
Der 23. November 1963 ist ein trüber Samstag. Als Hansi und die rumänische Mannschaft in Hamburg landen, regnet es. Es ist der Tag, an dem der deutsche Fußballnationaltrainer Sepp Herberger nach dem 2:2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Schottland im Niedersachsenstadion in Hannover seinen Rücktritt zum Ende der Saison bekannt gibt. (…)

Hansi lernt in Hamburg Hermann Gajewski kennen. Es ist ein Handballbesessener, er ist der Mitorganisator des Spiels in Hamburg und der Begleiter der rumänischen Mannschaft. Gajewski setzt sich für den Hamburger Sportverein ein, der wieder eine Spitzenmannschaft formen möchte. Von Hamburg über Kiel, Essen und Rheinhausen geht es nach Köln. In jeder Stadt ist ein kleines Turnier angesetzt. Die rumänische Mannschaft geht in Essen und Köln als Sieger hervor und beendet die Deutschland-Tournee ungeschlagen. (…)

Am Nachmittag des 30. November packt Hansi seinen Koffer, legt alles bereit für die Flucht, auch einen in Bukarest maßgeschneiderten grauen Mantel mit schwarzen Karos. Sein Zimmerkollege Gruia hält ein Nachmittagsschläfchen und merkt nichts. Für den Weg in die Sporthalle zieht Hansi einen leichten Plastikmantel an, wie er in jener Zeit Mode ist. In der Halle spricht Hansi kurz Hermann Gajewski, den Hamburger. Hansi fragt ihn, ob er ihm nach dem Spiel helfen kann, er könnte ihn vielleicht brauchen. Gajewski sagt ja. Die rumänischen Studenten gewinnen das Endspiel gegen den VfL Gummersbach. Trotz schlafloser Nächte bringt Hansi das Turnier mit sehr guten Leistungen zu Ende. Nach dem Finale treffen sich die vier Mannschaften im Schlachthofrestaurant in Köln-Ehrenfeld an der Liebig-Straße. Um 2 Uhr sollen die drei Nationalspieler Schmidt, Samungi und Gruia mit Trainer Johnny Kunst Richtung Bukarest starten, um zur Nationalmannschaft zu stoßen, der Rest der Mannschaft soll noch blei­ben.

Wieland Lassotta

Nationaltrainer Johnny Kunst hat das Séparée der L-förmigen Gaststätte für die rumänische Mannschaft ausgesucht. Die anderen Mannschaften sitzen draußen im großen Saal. Durch den Séparée-Eingang hat der Bukarester Handball-Papst auch den Aus­gang der Gaststätte im Blick. Hansi muss ständig den Raum verlas­sen, um Brotnachschub zu holen. In Rumänien wird fast zu allem Brot gegessen, wenn nicht Maisbrei serviert wird. An der Theke, die aus dem Séparée nicht zu sehen ist, steht Wieland Lassotta, der Torwart des HSV Köln-Bocklemünd, gegen den Stiinta Bukarest angetreten ist. Hansi fragt ihn, ob er mit dem Auto gekommen ist und ihn wegfahren kann. Der nickt.

Die Mannschaft braucht kein Brot mehr, aber Samungi ein Er­satzteil für ein Tonbandgerät. Hansi ist wieder gefragt und geht zum letzten Mal aus dem Séparée. Samungi und Gruia bauen sich in der Tür des Séparées auf, damit Johnny Kunst nicht sehen kann, wenn er die Gaststätte verlässt. Lassotta folgt Hansi und fährt ihn ins Hotel der rumänischen Mannschaft. Hansi holt Koffer und Mantel, dann bittet er Lassotta, ihn in ein einfaches Hotel zu bringen. Es geht ins Hotel Vierbaum an der Stammstraße 8 in Köln-Ehrenfeld. In der Nacht plagen Hansi Zweifel, ob er das Richtige getan hat. (…)

Während Johnny Kunst und Hansis beide Mannschaftskollegen ins Flugzeug Richtung Bukarest steigen, richtet sich Hansi auf eine unangenehme Nacht im Hotel Vierbaum ein. Die Rechnung des Hotels Vierbaum bewahrt Hansi noch immer auf. Unter „Rechnung für Herrn Schmidt“ steht: 1 Einzelzimmer 8,50. Mehr konnte und wollte er sich nicht leisten. Die Felder Bedienung, Frühstück, Bad und Telefongebühren sind frei gelassen. Fluchthelfer Wieland Lassotta ist am 27. Juli 1990 gestorben. Seine Frau Therese lebt noch in Köln.
Um 10 Uhr kommt Gajewski ins Hotel mit der Nachricht, dass die Rumänen Detektive beauftragt hätten, Hansi zu finden. Gajewski bringt Hansi zu einem jungen Ehepaar, zu Marion und Hans Reiser in der Unteren Dorfstraße 60. Hermann Gajewski holt ihn dort um 16 Uhr ab. In einem Bus geht es nach Hamburg. (…)

Im Hause Gajewski schläft Hansi im Wohnzimmer. Am letzten Sonntag im Dezember 1963 läutet das Telefon unaufhörlich bei Gajewski. Bis zu diesem Tag ist Hansi noch nie ans Telefon gegangen, aus Angst. An diesem Morgen hebt er den Telefonhörer im Wohnzimmer auf, weil keiner sonst in der Nähe ist, weder der Hausherr, noch sein Sohn Peter oder Gajewskis Frau. Der Anrufer stellt sich mit Schmidt vor und spricht rumänisch. Das hat Hansi noch gefehlt. Sein erster Gedanke: Jetzt haben sie mich. Der Mann am anderen Ende der Leitung meint, Hansi mit Rumänisch beeindrucken zu können. Der hat aber kaum Zeit, weiter zu sprechen, ihm wird der Hörer aus der Hand gerissen: Jetzt meldet sich Bubi Wolf, den Hansi von der Studenten-Weltmeisterschaft in Schweden her kennt. (…)

Bubi Wolf teilt Hansi mit, er will ihn in Hamburg abholen. Wolf kommt, Gajewski ist nicht begeistert. Er sieht seine Felle fortschwimmen. Der Winter hat Deutschland fest im Griff. Hansi und Bubi Wolf fahren auf der eisglatten Straße bis Hannover. Dort lässt Wolf den Wagen bei seinen Eltern stehen. Die beiden gelangen mit dem Zug nach Hagen, wo Eugen Haas sie schon erwartet und in seinem alten Mercedes Diesel mitnimmt. Im Auto sagt Hansi zu Haas: Fahren Sie bitte etwas weiter rechts. Haas will wissen, warum. Worauf Hansi antwortet, ein Radfahrer will uns überholen. Hansi weiß heute nicht mehr, ob er das tatsächlich gesagt hat, jedenfalls wird Eugen Haas diese Geschichte jahrelang immer wieder zum besten geben. Haas soll an dem Tag sehr langsam gefahren sein. Was Hansi beeindruckt, sind die vielen Lichter am Straßenrand. Er staunt, weil er nicht weiß, dass es auch Begrenzungspfähle mit Leuchten gibt. Später wird ihm ein Licht aufgehen. Den Glücksgriff, den Eugen Haas mit Hansis Verpflichtung macht, wird der Hamburger Handball-Nationaltorwart Hans-Jürgen Bode so ausdrücken: „Der Verein, in dem Hansi spielt, wird deutscher Meister.“ (…)

Hansi kommt mit Haas und Wolf am 30. Dezember 1963 in Gum­mersbach an. Es ist ein Montag. Das Oberbergische Land ist eingeschneit. Nach dem Besuch in der Firma geht es zu Eugen Haas ins Jägerhaus nach Wildbergerhütte, Heimat des VfL-Bosses. Heute gibt es den Ort nicht mehr, weil dort eine Talsperre das Wasser der Wiehl zum See staut. Dabei ist auch VfL-Trainer Dr. Horst Dreischang (1921-1997). Familie Haas nimmt Hansi liebevoll auf …
Die Silvesterfeier findet am nächsten Tag im Hause Haas statt. Dabei sind Meta, Eugen, Gisela, Martha und Hartmut Haas, ferner Käte und Alfred Demant, Christa, Horst und Roland Dreischang, Günter Raabe, Dieter Gerold. Sie alle haben sich in Hansis Tagebuch eingetragen, auf der ersten Seite, die das Datum 1. Januar 1964 trägt. Das Jahr beginnt im Jägerhaus, hält Hansi fest. Doch Hansi ist es nicht so recht zum Feiern zumute. Er ist erst 21 Jahre alt, ist zwar liebevoll aufgenommen worden, er sieht aber kein vertrautes Gesicht, alles ist fremd, er weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Die versammelte Gesellschaft versucht, ihm über die schweren Momente hinwegzu­helfen. Am Neujahrstag macht Haas, der Hansi sofort das Du an­bietet, Nägel mit Köpfen. Haas fährt in seinem alten Mercedes mit Hansi nach Hamburg zu Gajewski, um seine Sachen abzuholen. (…)

Haas bringt Hansi in seinem Jägerhaus in Wildbergerhütte unter. Er quetscht in das Zimmer des 14-jährigen Hartmut Haas ein zweites Bett für Hansi. Das Zimmer unter dem Dach ist vorerst seine Bleibe. (…)
Eugen Haas hat gerufen, und Hansi ist ge­kommen. Hansi weiß als Flüchtling nicht so recht, wo er einen Neuanfang wagen soll. Er hätte auch nach Göppingen gehen können. Doch er wollte wegen der Sporthochschule in der Nähe von Köln bleiben. Er vertraut Eugen Haas und geht nach Gummersbach, um in einer unbekannten Mannschaft Handball zu spielen. Hätte ein einheimischer Spitzenspieler das getan? Als Haas mit Trainer Dr. Horst Dreischang und Hansi die ersten großen Erfolge eingefahren und Gummersbach weltbekannt gemacht haben, ist es ein Leichtes, Leute wie Joachim Deckarm oder Erhard Wunderlich für den VfL zu begeistern. Und ohne Rückraumspieler wie Hansi ist in jenen Jahren nichts zu gewinnen, da konnten die anderen in der Mann­schaft noch so gut sein. Ohne einen wurfgewaltigen Spieler kann eine Mannschaft in den 60er Jahren nicht einmal einen Blumentopf gewinnen. Der VfL und seine Spieler konnten nur mit Hansi erfolgreich werden, ohne ihn wären sie Mittelmaß, zum Teil Unbekannte geblieben.
Ein Weltklassespieler kommt ohne Klassespieler nicht aus, um erfolgreich zu sein. Klassespieler allein können eine Mannschaft nicht zur erfolgreichsten der Welt machen. Und so gesehen, dürfte sich auch die Frage erübrigen, wer für wen in Gummersbach zu spielen hatte oder konnte. Sicher gehören zu einer Spitzenmannschaft auch eine gute Abwehr, gute Kreisläufer und Flügelstürmer, aber auch gute Torsteher. Aber erfolgreich sind im Handball der 60er und 70er Jahre nur die, die einen Superstar in ihren Reihen haben. Gummersbach hat ihn in Hansi, ihm kann damals in Deutschland, wo der Feldhandball noch dominiert, keiner das Wasser reichen. Manch einer seiner Wegbegleiter wäre nie ohne ihn auf ein Siegerpodest gestiegen, er hätte nur vom Meistertitel träumen können. Hansis größte Widersacher, die in seinem langen Schatten Meister und Europapokalsieger geworden sind, dreschen auch heute noch auf ihn ein. Sie lassen dazu kaum eine Gelegenheit aus, obwohl oder weil sie wissen, dass er darauf nicht eingeht. Ihnen ist noch immer unerträglich, dass sie sich Hansis Spiel unterordnen mussten. Sie haben es noch immer nicht verdaut, dass der Mann, der fast bis zum Ende seiner Karriere beim VfL Gummersbach auf die Kapitänsbinde verzichtet hat, nicht nach ihrer Pfeife getanzt hat. (…)

Als Hansi in Gummersbach ankommt, hat der bundesdeutsche Handball den schon mit Volldampf in Richtung Halle fahrenden Zug verpasst. In Gummersbach erkennt Eugen Haas jedoch die Zeichen der Zeit. Dr. Horst Dreischang, der 1956 aus Greifswald in den Westen gekommen ist, betrachtet die Großfeldsaison als gute Vor­bereitung auf die Hallenmeisterschaft. Auf dem Großfeld wird der VfL keine Bäume ausreißen. (…) Dreischang hat einen sehr großen Anteil am kome­tenhaften Aufstieg des VfL. Zusammen mit ihm führt Hansi das ein, was schon längst im Ostblock die Regel ist, was er von seinen Lehrern in Temesvar und Bukarest gelernt hat. Hansi pfropft dem VfL-Spiel einen Teil der rumänischen Handballschule auf.
Im Juli 1964, ein halbes Jahr nach Hansis Flucht, stellt sich der erste Erfolg ein. Hansi wird mit dem VfL auf dem Großfeld westdeutscher Meister. (…) Am 4. September 1965 beschließt der Erweiterte Vorstand des Deutschen Handball-Bundes einstimmig, eine oberste Spielklasse für die Meisterschaft in der Halle und auf dem Feld unter der Bezeichnung Bundesliga einzuführen. (…)

Mit Hansi zur deutschen Meisterschaft

Anfang Februar 1966, nur zwei Wochen nach dem Aufstieg in die Bundesliga, der erste Titelgewinn mit Hansi in der Halle: Vor 12000 Zuschauern in der Westfalenhalle wird der VfL Gummersbach westdeutscher Meister. Im Turnier 1966 wird die letzte Begegnung zwischen dem VfL Gummersbach und Wellinghofen zum alles entscheidenden Spiel. Der vermeintliche Rivale Grün-Weiß Dankersen hat in diesem Turnier nichts zu bestellen. Von den 22 Gummersbacher Toren in dieser Endrunde erzielt Hansi Schmidt 17, einige Siebenmeter, der Großteil aber aus der zweiten Reihe hochaufspringend, über die Köpfe der Gegner hinweg haargenau in die Torecken zielend. (…)

Der 26. März 1966 ist der große Tag des VfL. Tausende treten an diesem Samstag mit dem Zug die Reise nach Essen an. Hansi und der VfL kommen zum ersten Mal ganz groß heraus. Hansi führt die Mannschaft zum ersten deutschen Meistertitel. Im End­spiel gegen Leutershausen läuft es anfangs nicht meisterhaft. (…)
In der Pause: nachdenkliche Mienen, lange Gesichter in der Riesenkolonie der oberbergischen Schlachtenbummler. (…)
Aber … die Gummersbacher Spieler glauben noch an den Sieg. Das zeigt sich schon bald. Nach dem 6:8 trifft Hansi besser. Sein nächster Sprungwurf jedoch klatscht gegen die Latte. Aber das kann den Riesen im blau-weißen Trikot mit der Nummer 9 nicht beeindrucken. Er kämpft weiter, wirft das siebte Tor, und auch das achte. Die Uhr zeigt die 47. Minute. Zum ersten Mal ist Gleichstand: 8:8. (…)

Als Hansi zehn Minuten vor Schluss das 10:9 gelingt, sind die Gummersbacher nicht mehr zu halten. Sie steigern sich in einen wahren Rausch und kämpfen die mehr und mehr nachlassenden Süd­deutschen regelrecht nieder. (…)
14:9 für Gummersbach zum Schluss. Sieben Tore hat Hansi Schmidt zu diesem Erfolg beigesteuert. Diese zwei Zentner Kraft und Moral haben auch dieses Finale entschieden. Die Gummers­bacher sind verdient Meister geworden, der unbestrittene Höhepunkt in der bisherigen Vereinsgeschichte. Hansi Schmidt und seine Mannschaftskameraden haben die SG Leu­tershausen auf die Verliererstraße geschickt.
Die Freude schäumt über. Die ersten Gratulanten bringen vor Rührung kaum ihre Glückwünsche an den Mann. Schlachtenbummler liegen sich freudentrunken in den Armen. Derweil knallen im Oberbergischen die ersten Böller. (…)
Gummersbach rüstet sich zu einer langen Nacht, zum Empfang seines ersten deutschen Handballmei­sters. (…)

Erster Doppelerfolg

Mit der neuen Saison 1966/1967 bricht für den VfL auch das Europapokal-Zeitalter an. (…) Das erste Finale der neuen, zweigeteilten Bundesliga wird zu einer einseitigen Sache. In der mit 8000 Besuchern besetzten Dortmunder Westfalenhalle besiegt der amtierende deutsche Meister VfL Gummersbach den Ersten der Südstaffel, den TV Hochdorf, mit 23:7. (…) Der neue und alte Meister kann 1967 eine Mannschaft präsentieren, der kein westeuropäisches Team das Wasser reichen kann. Im Angriff ist Hansi ein Ass. Mit seinen nicht zu überbietenden Sprungwürfen entfacht er Begeisterungsstürme auf den Rängen. Hansi steht in diesem Finale wiederholt förmlich in der Luft, hält den zu großer Form auflaufenden Torwart Becker zum Narren und wirft mit geradezu unwahrscheinlicher Präzision ins Tor. (…)

Und dann der 28. April 1967: Der zweifache deutsche Hallenhandballmeister VfL feiert seinen bis dahin größten Triumph. Der VfL Gummersbach ist nach dem verdienten 17:13-Erfolg über die Weltklassemannschaft von Dukla Prag im Hexenkessel der Dortmunder Westfalenhalle Europapokalsieger der Landesmeister geworden. In diesem 7. offi­ziellen Europapokal-Endspiel der Landesmeister wächst der VfL Gummersbach über sich hinaus. Die 15000 Zuschauer treiben die Blau-Weißen zum Sieg. (…)
Das Spiel am 28. April in der Westfalenhalle gilt als „Finale der Superlative“ im internationalen Handballsport, es ist das größte Handballereignis 1967 nach der Weltmeisterschaft in Schweden. (…)
Im Finale um die 20. deutsche Hallenmeisterschaft stehen sich 1969 wie im Vorjahr der VfL und Leutershausen gegenüber. Die beiden Mannschaften sind zum dritten Mal Finalgegner. (…)

Mit einer eindrucksvollen Leistung nimmt Gummersbach im Finale gegen Leutershausen Revanche für die herbe 13:20-Endspielniederlage von Böblingen im Vorjahr und wird zum dritten Mal deutscher Meister. 12700 Zuschauer feiern in der Westfalenhalle einen VfL Gummersbach, der mit einem 21:13 (9:5) über die SG Leutershausen triumphiert. Es ist ein Sieg der Kameradschaft, ein Erfolg der Intelligenz, heißt es in der Kölnischen Rundschau. „Schnell, klug, konsequent, das war Gummersbach.“ Erstmals wird im Winter 1969/1970 die deutsche Meisterschaft der Männer nach einem neuen Modus bestritten. Die Tabellenzweiten beider Staffeln bekommen Gelegenheit, in den Kampf um den Meistertitel einzugreifen. Das be­deutet in der Weihnachtszeit volle Häuser und viel Geld für das Endrundenquartett: Titelverteidiger VfL Gummersbach, Südstaffelsieger Frisch Auf Göppingen, SG Leutershausen und Hamburger SV.
Das 2l. Endspiel um die deutsche Hallenhandballmeisterschaft der Männer am Freitag, 2. Januar 1970, in der Frankfurter Festhalle hat einen ganz attraktiven Anstrich mit der „großen Nummer“ VfL Gummersbach gegen Frisch Auf Göppingen, es ist das Duell der Europapokalsieger. (…)
Der VfL sucht den offenen Schlagabtausch und geht in einer hektischen Schlacht, die nicht mehr an den einst so schönen Hallenhandball erinnert, mit fliegenden Fahnen unter. (…) Endstand 22:18. (…)

Wiedersehen in Bukarest

Einmal muss es ja kommen. Eines Tages muss Hansi zurückkehren nach Bukarest, wo er am 23. November 1963 ins Flugzeug gestiegen und in die Freiheit geflogen ist. Ausgerechnet Steaua Bukarest, sein ehemaliger Klub, ist VfL-Gegner im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister 1970. Für Hansi ist dieses Spiel ein besonderes Erlebnis, er tritt gut sechs Jahre nach seiner Flucht zum ersten Mal in Buka­rest an. (…)

Ein wenig Angst hat Hansi vor seinem ersten Besuch in Bukarest: Wie werden die Zuschauer ihn aufnehmen? Werden sie ihn auspfeifen? Das sind Fragen, die ihn vor dem schweren Europa-Pokalspiel bewegen. In der Floreasca-Halle gibt es ein freudiges Wiedersehen mit Dieter Christenau, mit dem er schon in Temesvarer Zeiten rumänischer Juniorenlandesmeister in derselben Halle wurde, in der jetzt das Halbfinalspiel angesetzt ist. Ferner mit seinen Freunden Josef Jakob und Gheorghe Gruia, aber auch mit einer Reihe von anderen Steaua-Akteuren, mit denen er seinerzeit zusammengespielt hat. All seine Befürchtungen sind umsonst: Selbst in der Halle wird Hansi freundlich empfangen. Ein Unteroffizier der rumänischen Armee ist so erfreut, dass er mit Tränen in den Augen während des Aufwärmens auf dem Spielfeld auf Hansi zugeht und ihn umarmt. „Ich hoffe, ihm ist deswegen nichts Böses widerfahren“, sagt Hansi heute.
Im Hexenkessel der mit fast 3000 johlenden und pfeifenden Zuschauern voll besetzten Bukarester Floreasca-Halle unterliegt der VfL dem Pokalverteidiger Steaua mit 13:16 (9:9). (…)

Im Rückspiel vor 12500 leidenschaftlich mitgehenden Zuschauern in der Westfalenhalle überrennt der VfL Steaua Bukarest und qualifiziert sich mit einem eindrucksvollen Auftritt fürs EC-Endspiel gegen Dynamo Ostberlin. Mit dem 15:8 (10:2) gegen den Bukarester Armeeklub erreichen die Blau-Weißen zum zweiten Mal das Finale des Hallenhandball-Europapokals. (…)
Das Europapokal-Finale 1970 wird zu einem rein deutschen Duell: VfL Gummersbach gegen Dynamo Ostberlin. Kurz nach dem knapp verlorenen Spiel bei der Hallenhandball-Weltmeisterschaft gegen die DDR kommt es erneut zu einer deutsch-deutschen Begegnung, dieses Mal in einem Endspiel. Hansi Schmidt spricht noch heute von einer deutsch-deutschen Meisterschaft.

In der Nacht vor dem Endspiel in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle am 14. April kann Hansi nicht schlafen. Er hat das erst vor kurzem gegen die DDR knapp verlorene Spiel bei der Weltmeisterschaft in Frankreich noch in guter Erinnerung. Und die Mannschaft von Dynamo Ostberlin ist fast identisch mit der Nationalmannschaft der DDR. Hansi wälzt sich im Bett. Er überlegt, wie der Gegner am besten zu packen, zu überraschen ist. Nach reiflichen Überlegungen zieht er den Schluss, er muss sich in diesem Spiel etwas Außergewöhnliches einfallen lassen. Denn die Ostberliner Mannschaft kennt sein Spiel und wird sich bestimmt darauf einstellen. Die Überlegungen sind richtig. Hansi wird Dynamo am anderen Tag regelrecht „erschießen“, nicht mit seinen gefürchteten verzögerten Sprungwürfen, nein, mit Hüftwürfen. Er täuscht immer wieder Sprungwürfe an, zieht dann aber aus der Hüfte heraus ab. Die DDR-Spieler sind überrascht. Hansi wirft neun Tore zum 14:11 (8:5)-Sieg des VfL. Nach dem Spiel kommt der Ostberliner Kapitän Werner Senger auf Hansi zu und sagt in seinem Berliner Dialekt: „Hansi, det haste janz alleene jemacht.“ Ein dickes Kompliment nach einem der schönsten Siege. (…)

Nach dem Weggang von Klaus Brand, Bernd Podak und Hans-Gerd Bölter nach Derschlag und von Helmut Kosmehl nach Fulda am Ende der Saison 1970/71 wendet sich Eugen Haas an Hansi mit den Worten: „Das muss deine stärkste Saison werden. Jetzt kannst du zeigen, was in dir steckt.“ Hansi enttäuscht den Handball-Abteilungsleiter nicht. Das waren die richtigen Worte. Das war sein angeborener pädagogischer Takt, dessen er sich gar nicht bewusst war, so Hansi. In diesem Jahr (1971) wird der VfL zum dritten Mal den Europapokal der Meister gewinnen. Und dann folgt eine Serie, die fast ohnegleichen ist: 1972 wird der VfL Vizemeister, von 1973 bis 1976 viermal in Folge deutscher Meister und 1974 wieder Europapokalsieger. Diese Siegesserie wird Nationaltorwart Bode zu der Aussage veranlassen: „Der Verein, in dem Hansi spielt, wird deutscher Meister.“ (…)

1971 gibt es eine Neuauflage des Zweikampfs der Torschützenkönige Hansi Schmidt und Gheorghe Gruia, ehemalige Freunde und Mannschaftskameraden bei Steaua Bukarest. Der Halblinke und der Halbrechte stehen sich am 2. April 1971 im Finale des Europapokals der Meister in der Dortmunder Westfalenhalle gegenüber. 14000 begeisterte Zuschauer erleben den knappen, aber verdienten 17:16 (7:6)-Erfolg des VfL Gummersbach über Steaua. Es ist die Wiedergeburt einer schon abgeschriebe­nen Mannschaft.
Der VfL steigt auf wie Phönix aus der Asche. Mit diesem schwer erkämpften Sieg über die Handballstars des rumänischen Armeeklubs tragen sich die Gummersbacher als erste Mannschaft ein drittes Mal in die Liste der Gewinner der heißbegehrten Trophäe ein. Aber sie beweisen auch: Mit Einsatz, Kampfgeist und letzter Ent­schlossenheit kann man Berge versetzen. Die Kölnische Rundschau titelt: „Der große Sieg eines großen Teams. Das Husarenstück einer Mannschaft, deren Uhr abgelaufen schien. 17:16 über Steaua“. Der Reporter lobt vor allem Hansi: „Schmidt warf nicht nur neun Tore, er war auch in der Abwehr selten so wirkungsvoll wie am Freitag.“ Doch ge­prägt wird das dramatische Ringen von den großen Zweikämpfen der weltbesten Scharfschützen Schmidt und Gruia. Obwohl Hansi Schmidt, von Gatu hautnah gedeckt, das Duell der beiden Wurfgiganten mit vier Fehlversuchen beginnt, entscheidet er es eindeutig für sich. Am Ende stehen neun Treffer bei acht Fehlversuchen auf Hansis Konto. Gruia aber gelingen aus 18 Versuchen nur sechs Tore und vier Pfo­stentreffer. Spontan umarmt Gruia seinen Wider­sacher nach dem Abpfiff und meint: „Hansi, du bist doch der Größte.“ (…)

Kampf der Giganten

Die Deutsche Handballwoche weiter: „Steaua und der VfL bedurften ihrer Scharfschützen im großen Finale, die sech­zig Minuten bestätigten die Ausnahmestel­lung von Gruia und Schmidt. Die Neben­spieler wurden mehr und mehr, was das Toreschießen anbelangt, in eine Statisten­rolle gedrängt.“
Beide wuchten die Bälle aus der zweiten Reihe ins Tor. Gruia startet von rechts, ein wenig geduckt, dann nach vorn schnellend im fast schlei­chenden Gang eines Indianers. Gruia, zu­nächst mit dem vorgeschobenen Mann der VfL-Deckung, Helmut Kosmehl, konfrontiert, beschleunigt seinen Lauf, er sucht die Rampe für seinen Sprung, der den Wurf nach sich zieht. Er zieht schnell ab und feuert wie ein Wildwest-Held, wobei er das Überraschungsmoment ausnutzt. Der Torwart reagiert meistens erst dann, wenn der Ball schon im Tor ist.

Hansi Schmidt macht seine Tore anders. Sein Spiel lebt nicht vom Tempo, sondern von einer hervorragenden Körper­beherrschung und Sprungkraft. Sie ermöglichen es ihm, wie ein Hubschrauber in der Luft zu stehen. Die Hundert­stelsekunden bringen Hansi Schmidt den ent­scheidenden Vorteil. Mühelos kann er auch die hochgereckten Arme der Gegenspieler ausrechnen. Der Torwart ist mit einer fast ausweglosen Si­tuation konfrontiert, wenn er abzieht. Doch die beiden Ausnahmehandballer unterscheiden sich nicht nur durch die Art, wie sie ihre Tore werfen. Während Gruia sich fast ausschließlich aufs Torewerfen konzentriert und einen Gatu das Ballverteilen überlässt, ist Hansi auch ein Spielmacher und Regisseur par exellence.
Spieler wie Gruia und Schmidt zählen zu den Attraktionen des Handballspiels, sie sind die Zugnummern. Der Handballanhänger liebt die Spielweise solcher Männer, die bei den vielen Peinigungen durch ihre Gegen­spieler manchmal zurückschlagen. Das trägt ihnen wiederum keine Sympathien ein. Scharfschützen sind nicht überall beliebt.

Spieler, die in einer Mannschaft eine Ausnahmestellung besitzen, gehen einen dornenvollen Weg. Sie leben im Zwiespalt der Gefühle. Werden sie dem Ruf als Voll­strecker gerecht, werden sie in den Himmel gehoben, versagen sie, werden sie mit Schimpf und Schande in die Kabine entlassen. Wer den Kampf der beiden Scharfschützen gesehen hat, kann nachvollziehen, warum der frühere Trainer von Steaua Bukarest und der rumänischen Nationalmannschaft, Johnny Kunst, es Hansi nie verziehen hat, dass er ihm und Rumänien den Rücken gekehrt hat. Hansi auf der Königsposition und Gruia auf Halbrechts, die beiden Scharfschützen in einer Klub- und in einer Nationalmannschaft Seite an Seite, welche Truppe dieser Welt hätte Steaua und Rumänien Paroli bieten können? Mit zwei Spielern der absoluten Weltspitze?