Abschied von unserem Heimatforscher Wilhelm Weber


Billed - Temeswar - Banat - Bielefeld

Seit 65 Jahren hat sich Wilhelm Weber mit der Erforschung der Geschichte Billeds, Temeswars und des gesamten Banates befasst. Er hat in dieser Zeit viel Wissenswertes gefunden, bearbeitet und veröffentlicht. Seine veröffentlichten Arbeiten zur Heimatkunde, seine Vorträge und vor allem sein herausragendes Dokumentationsbuch zur Baragandeportation haben ihn banatweit bekannt gemacht.
Webers Lebensweg war typisch für seine Altersgruppe. Seine Biographie, die er „Ein langes Leben in vielen mehr oder weniger erfreulichen Geschichten“ überschrieben hat, ist abwechslungsreich spannend, seine Haltung jedoch, sein Gang durchs Leben, war immer aufrecht und gradlinig.

Wilhelm Weber wurde in einer Temeswarer Kaufmannsfamilie, die seit Generationen in der Josefstadt ansässig war, am 29. August 1924 geboren. Wie bei den meisten Städter, führte eine Spur aufs Land, nach Johannisfeld. In seiner Vaterstadt besuchte er die Missions-Volksschule und anschließend das Deutsche römisch-katholische Lyzeum und später die Prinz-Eugen-Oberschule in der Banatia, die er 1943 mit dem Abitur abschloss.
Damals war schon Krieg, viele Lehrer waren zum Militär eingezogen, an ihrer Stelle wurden Abiturienten, die ein Jahr völkischen Dienst zu leisten hatten, zum Schuldienst eingesetzt.
Auch Wilhelm Weber machte im Sommer 1943 in der Banatia einen Lehrgang und wurde nach bestandener Abschlussprüfung als Volksschullehrer zunächst in Alexandershausen und später in Rekasch eingesetzt.

Gleich nach dem Abschluss des Schuljahres, im Mai 1944, wurde Weber zur deutschen Armee eingezogen. Als Angehöriger der Flieger DJ kam er mit einigen seiner Kollegen auf eine Schule der deutschen Luftwaffe bei Wien. Nach dem Abschluss aller drei Stufen der Segelfliegerausbildung folgte seine Ausbildung zum Piloten an der Flugzeugführerschule Danzig. Doch zum Kampfeinsatz als Pilot kam er, Kriegssituation bedingt, nicht mehr. Auch als ausgebildeter Fallschirmjäger wurde er nicht mehr eingesetzt.
Von der Luftwaffe abgestellt, wurde Weber, mittlerweile zum Gefreiter und Reserveoffizier befördert, Infanterist. Nun kam er zum Einsatz bei schweren Rückzugsgefechten von der Neiße bis kurz vor Berlin, wo seine dezimierte Einheit neun Tage vor Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet.
Über Frankfurt/Oder folgte der Transport nach Russland. Als Kriegsgefangener hat er dort in sechs Lagern beim Eisenbahnausbau, beim Straßenbau, auf Baustellen und in Kohlenbergwerken gearbeitet. Nachdem er einmal durch ein Missgeschick den Heimreisezug verpasst hatte, kam er im Sommer 1949 frei, über Sighet wurde er entlassen und war nach fünf Jahren wieder zu Hause in Temeswar.

Obwohl sich dort die Welt radikal verändert hatte, ahnte der entlassene Kriegsgefangene nicht, dass er bald wieder auf eine fünfjährige Reise gehen wird. Zunächst galt es, Fuß zu fassen, Arbeit zu finden.
Diese fand Wilhelm Weber, nach einer Eignungsprüfung, als Mathematiklehrer an der Billeder Schule. Dort lernte er Grete Divo kennen, die im Dezember 1949 aus der Russlanddeportation heimgekehrt war. Die beiden heirateten und Wilhelm Weber wurde Billeder.
Zunächst jedoch nur für ein Jahr, denn im Juli 1951 wurde die Familie in den Baragan deportiert, wo ihr Zwangsaufenthalt in Dîlga bestimmt war. Dort wurde die älteste Tochter Grete geboren. Das Leben und die Zeit in der Baragansteppe beschreibt er in seinem Buch „Und über uns der blaue Himmel“, dem Standardbuch über die Baraganverschleppung.

Im Spätherbst 1955 wurde die Familie aus der Verbannung entlassen und kam wieder in die Heimat, die eigentlich keine mehr war. Man musste sich eingliedern, aber abfinden mit dem damaligen Regime konnte man sich nicht, gedanklich waren die Koffer schon für eine weitere große Reise gepackt.
Wieder in Billed, wurde die zweite Tochter Erna geboren. Wilhelm Weber und auch seine Frau wurden wieder Lehrer an der Billeder Schule, später wurde Margarethe Weber Kindergärtnerin und Wilhelm Weber Bibliothekar.
Ab 1972 bis 1986 war Wilhelm Weber Internatspädagoge am Temeswarer Nikolaus-Lenau-Lyzeum.
Die Eheleute Weber gehören jener großen Gruppe banatdeutscher Lehrer an, die ihren Schülern nicht nur Sachkunde vermittelt haben, sondern ihnen auch zu einem weiten Horizont verholfen haben und ihnen eine humanistische Lebensanschauung vermittelten. Gerne und dankbar erinnern sich ihre ehemaligen Schüler daran. Das Leben im Sozialismus nahm für die Webers im Januar 1986 ein Ende, als die Familie ausreisen konnte und in Bielefeld ein neues Zuhause fand.

Schon als Jugendlicher war Wilhelm Weber an der Banater Heimatgeschichte interessiert. Dieses Interesse verstärkte sich im Hause Divo, wo er den Entschluss fasste, seine Freizeit der Erforschung der Geschichte Billeds zu widmen und eine Ortsmonographie zu verfassen.
Neben seinem Schwiegervater Peter Divo hat ihm wahrscheinlich auch seine Bekanntschaft mit dem Heimatforscher Ing. Johann Pierre Anstöße zu diesem Entschluss gegeben. Schon 1957 hatte er ein Manuskript zur Geschichte Billeds fertig, das nicht veröffentlicht werden durfte. Erst 1973 konnte er seine erweiterte Ortsmonographie unter dem Titel „Kranich und Pflugschar im Siegel“ in 12 Folgen in der Neuen Banater Zeitung veröffentlichen.
Als er das Manuskript der dritten Fassung seiner Monographie fertig hatte, war Franz Klein mit der Arbeit an seiner umfassenden Billeder Chronik schon weit vorangekommen und Weber stellte seine Arbeiten zur Verfügung bzw. wurde Mitautor der Monographie „Billed. Chronik einer Heidegemeinde im Banat in Quellen und Dokumenten 1765-1980“ von Franz Klein.

Insgesamt hat Weber 42 Arbeiten zu Billed und zur Billeder Geschichte veröffentlicht. Seine Studien befassen sich, außer der Geschichte, mit Mundart, Brauchtum, Volkskunde, Wirtschaft und Kirche. Er hat auch mehrere Statistiken über Billed erarbeitet.
Weber hat außerdem Beiträge zur Temeswarer Geschichte geschrieben, an Ausstellungen mitgewirkt und Vorträge zu Banater Themen gehalten.

Wilhelm Weber war ein naturverbundener Mensch. Er kannte unsere Banater Tierwelt sehr gut und war ein begeisterter Fischer. Gerne organisierte er mit Schülern Fahrten in die Natur oder in die Umgebung Billeds.

Weniger bekannt von uns sind seine Arbeiten zur Ordenskunde. Weber ist ein anerkannter Ordenskundler. Er hat 46 Arbeiten über verschiedene Orden und Ehrenzeichen verfasst und erhielt vom Bund deutscher Ordenskunde die Verdienstmedaille in Silber.
Für seine Verdienste um die Heimatforschung hat ihm unsere Landsmannschaft den Ehrenbrief verliehen wie auch die Verdienstmedaille in Gold. Außer weiteren Ehrenzeichen hat ihm die Gemeinde Billed die Ehrenbürgerschaft verliehen.
Die Heimatgemeinte Billed hat noch keinen Orden gestiftet, es ist aber sicher, dass wir ihn alle wertschätzen. Der zugewanderte Temeswarer war ein Gewinn für Billed. Er hat sich um Billed und um unsere Gemeinschaft bleibenden Verdienst erworben.
Wilhelm Weber ist am 7. November 2016 in Bielefeld verstorben. Eine Trauerfeier fand am 16. November statt, seine Beisetzung erfolgt in der Familiengruft auf dem Josefstädter Friedhof in Temeswar. Seiner Ehefrau und seinen Töchtern mit ihren Familien gilt unsere Anteilnahme.